Märchen & Geschichten

Fast 300.000 Wörter bis zum fünften Geburtstag

Stell dir zwei Kinder vor. Dem einen liest jemand jeden Abend ein Bilderbuch vor. Dem anderen nie. Bis zum fünften Geburtstag hat das erste Kind allein beim Vorlesen rund 297.000 Wörter gehört. Das zweite knapp 4.700.

Diese Zahlen stammen nicht von mir, sondern von Forschenden der Ohio State University. Sie haben ausgezählt, wie viele Wörter in beliebten Kinderbüchern stehen, und hochgerechnet, was ein Kind dadurch bis zum Schulalter hört. Bei fünf Büchern am Tag sind es sogar fast anderthalb Millionen Wörter. Die Forscher nennen das die „Million-Wörter-Lücke“.

Ich finde diese Zahl ebenso beeindruckend wie beruhigend. Denn sie zeigt: Es braucht keine teuren Lernprogramme. Es braucht ein Buch, ein bisschen Zeit und jemanden, der vorliest.

Immer mehr Familien lesen vor

Die gute Nachricht kommt aus Deutschland. Laut dem Vorlesemonitor 2026 von Stiftung Lesen, Deutsche Bahn Stiftung und DIE ZEIT lesen gut drei Viertel der Eltern ihren ein- bis achtjährigen Kindern mindestens mehrmals pro Woche vor. Vor zwei Jahren waren es noch rund zwei Drittel.

Trotzdem wurde 2024 noch jedem dritten Kind selten oder nie vorgelesen. Da ist also noch Luft nach oben.

Was beim Zuhören im Kopf passiert

Kinderärzte in Cincinnati haben Drei- bis Fünfjährigen Geschichten über Kopfhörer vorgespielt und dabei ihr Gehirn beobachtet. Bilder gab es keine. Trotzdem waren bei Kindern, denen zu Hause viel vorgelesen wird, die Bereiche für Sprachverständnis und innere Bilder besonders aktiv. Diese Kinder sehen die Geschichte also vor sich, während sie zuhören.

Genau das ist für mich der Zauber des Vorlesens. Aus Wörtern werden Bilder, und aus Bildern wird Fantasie.

Auch eine Befragung der Stiftung Lesen passt dazu. Kinder, denen täglich vorgelesen wurde, gingen zu 83 Prozent sehr gern zur Schule. Bei Kindern, denen selten oder nie vorgelesen wurde, waren es nur 43 Prozent.

Und warum dann noch ausmalen und rätseln?

Weil Kinder nicht nur mit den Ohren lernen, sondern auch mit den Händen.

In der STEP-Studie 2019 haben über 2.000 Lehrkräfte die Schreibfähigkeiten ihrer Schüler eingeschätzt. 89 Prozent von ihnen sagen, dass die Feinmotorik der Kinder schlechter geworden ist. In der Grundschule hat laut den Lehrkräften jeder zweite Junge und jedes dritte Mädchen Probleme mit einer flüssigen, lesbaren Handschrift.

Ausmalen ist natürlich kein Wundermittel. Aber jeder Strich, der in einer Fläche bleiben soll, ist ein kleines Training für Finger und Augen. Und ganz nebenbei kommt man dabei zur Ruhe.

Beim Rätseln ist es ähnlich. Forscherinnen der University of Chicago haben Familien beobachtet: Kinder, die mit zwei bis vier Jahren viel puzzelten, konnten später besser Formen im Kopf drehen und verschieben. Das ist eine wichtige Grundlage für Mathematik. Knobeln trainiert also mehr, als man denkt.

Das Wichtigste: gemeinsame Zeit

Forscher haben 50 Jahre Studien zu Familienritualen ausgewertet. Ihr Ergebnis: Feste Rituale, die eine Familie miteinander teilt, hängen damit zusammen, dass Kinder sich besser zurechtfinden und Eltern sich sicherer fühlen.

Ein Ritual muss nichts Großes sein. Es reicht, wenn es immer wiederkommt und man sich darauf freuen kann. Eine Geschichte am Abend zum Beispiel.

Daraus ist „24“ entstanden

Genau diese vier Dinge wollte ich in meinem Adventsbuch zusammenbringen: Vorlesen, Ausmalen, Basteln und Rätseln, jeden Abend ein bisschen, gemeinsam mit der Familie.

In „24“ klopft der Erzählzwerg Peranticus an jedem Abend im Advent an und bringt eine Geschichte mit. Zu jeder Geschichte gibt es ein Ausmalbild und ein Minibuch zum Basteln. In jedem Minibuch versteckt sich ein Buchstabe. Zusammen ergeben sie das Zwergenrätsel, und wer es löst, bekommt sein persönliches Zwergendiplom. Beim Gewinnspiel gewinnt jede Einsendung, versprochen.

Und anders als bei einem Schokoladen-Kalender ist das Buch am 24. Dezember nicht leer. Geschichten kann man immer wieder lesen.

Mehr über „24“ und wie du an die Minibuch-Vorlagen kommst, findest du hier: Zum Adventsbuch. Das Buch ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt (ISBN 978-3-696-70664-7).

Ich wünsche dir und deiner Familie eine wunderbare Vorlesezeit.

Quellen

  • Logan, J. u. a. (2019): When Children Are Not Read to at Home: The Million Word Gap. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics. Ohio State University.
  • Stiftung Lesen, Deutsche Bahn Stiftung und DIE ZEIT: Vorlesemonitor 2024 und Vorlesemonitor 2026. Zu 2026 auch ZDF heute vom 27.10.2026.
  • Hutton, J. S. u. a. (2015): Home Reading Environment and Brain Activation in Preschool Children Listening to Stories. Pediatrics. Cincinnati Children's Hospital.
  • Stiftung Lesen: Vorlesestudie 2015. Nach einem Bericht der Ärzte Zeitung vom 10.11.2015.
  • Schreibmotorik Institut und Verband Bildung und Erziehung (VBE): STEP-Studie 2019.
  • Levine, S. u. a. (2012): Early Puzzle Play: A Predictor of Preschoolers' Spatial Transformation Skill. University of Chicago.
  • Fiese, B. H. u. a. (2002): A Review of 50 Years of Research on Naturally Occurring Family Routines and Rituals. Journal of Family Psychology.