Märchen & Geschichten
Was war zuerst da, die Welt oder das Buch?
10. Juni 2022 · Eva Gitta Glöckner

Das Buch liegt vor dir. Es glüht wie ein Stück Eisen im Schmiedefeuer. Hitze beginnt es zu umspülen wie flüssige Lava den Vulkan.
Die Magie der Geschichte wirkt bereits bei dir. Zitternd vor Aufregung streckst du die Hände nach dem sorgsam gebündelten Papier aus.
Da!
Plötzlich!
Ein Knall!
Eine Explosion!
Das Buch fliegt dir entgegen. Die Buchdeckel springen auseinander. Die Seiten werden vom Explosionsdruck wie wahnsinnig hin und her geblättert.
Und heraus aus den fliegenden Seiten erheben sich die Welten, die vielen.
Die Planeten beginnen, dich zu umkreisen.
Jeder hat seine eigenen Farben, sein eigenes Tempo, seine eigene Umlaufbahn.
Sie schweben aneinander vorbei, streifen sich, ja, durchdringen einander, ohne sich zu zerstören. Sie spielen miteinander Fangen und Verstecken.
Dann werden sie sich deiner bewusst. Hunderte Augen richten sich scheinbar auf dich, durchdringen dich, bohren sich in dich hinein.
Plötzlich sind da auch Hände, die dich berühren, betasten.
Bist du kompatibel?
Du bist kompatibel.
Die Bahnen der Planeten ziehen sich immer enger um dich zusammen. Die Welten fließen ineinander, sind jetzt nur noch eine riesige Kugel, die dich umgibt. Die dich einsaugt.
Für einen kurzen Moment ist alles eins. Alles ist ruhig. Alles ist gut. Du bist im Gleichgewicht mit dieser einen Welt.
Doch nein, was ist das?
Was geschieht mit dir?
Du fühlst einen schneidenden Schmerz.
Die einzelnen Planeten lösen sich aus der Vereinigung, bewegen sich wieder in gegenläufigen Bahnen, voneinander weg.
Und – sie nehmen jeweils einen Teil von dir mit. Sie reißen dich auseinander.
Du bist nicht mehr der Eine. Du bist auf einmal Viele. Jeder Planet hat dich und du siehst dich in jedem anderen, der vorüberzieht. Du bist überall und willst doch nur zurück zu dir, zu deiner Einheit.
Doch jede einzelne Welt beginnt mit dem Teil von dir, das sie besitzt, zu kommunizieren. Sie beansprucht deine Aufmerksamkeit, deine Gedanken, deine Zeit.
Noch ist ein Teil von dir bei den anderen Teilen auf den anderen Planeten.
Ebenso bemerkst du jedoch mit jeder Umkreisung das Schwächerwerden deines Bildes.
Ist es wichtig?
War es wichtig?
Wohin nur schaue ich?
Da draußen gibt es nichts weiter als andere Planeten.
Deine eine Welt schwebt nun zwischen zwei Buchdeckeln, die sich langsam schließen. Du nimmst noch wahr, dass es andere Welten neben deiner gibt, die sich genau wie deine zwischen zwei Buchdeckeln schwebend in diese hinab lassen.
Das ist doch normal. Es gibt andere Welten, andere Leben, andere Bücher.
Ein kurzes „Plopp“-Gewitter, und eins nach dem anderen haben sie sich geschlossen, die Bücher. Deine Buchdeckel fabrizieren den letzten hörbaren Plopp-Laut.
Du bist nicht mehr Viele.
Du bist Einer.
Einer in einem Buch, in einer Welt.
Manchmal träumst du. Von anderen Welten und anderen Büchern, die irgendwie wichtig für dich sind. Du träumst von Scherben und Spiegeln, von Teilung und Ganzheit.
Sind sie real?
Entspringen sie deiner Fantasie?
Was war zuerst da, die Welt oder das Buch?


